Verkehrskonzept – Trichter und neuralgische Punkte

Die Stadt Arnstadt möchte das weiterentwickelte städtische Verkehrskonzept beschließen, doch die Lösungsansätze für die Innenstadt können nicht ganz überzeugen.

Eine Anmerkung von Stephan Kunze

Seit über 10 Jahren ringt die Stadt Arnstadt nun um die Fortschreibung des Verkehrskonzeptes, denn das derzeit gültige ist von 1998. Aber seit dem haben sich die Stadt- und Verkehrsstrukturen weiter verändert; dem soll das aktualisierte Verkehrskonzept Rechnung tragen. Die von Weimarer Verkehrsplanern entwickelte Konzeption nennt als Hauptziele:

  • hohe Lebensqualität für Anwohner, Besucher und Beschäftigte der Innenstadt
  • Sicherung der verkehrlichen Erreichbarkeit der Innenstadt für Nutzergruppen mit geeigneten Verkehrsmitteln („Stadt der kurzen Wege“)
  • Gewährleistung des Wirtschaftsstandortes Innenstadt als Konzentrationsbereich für Handel, Gewerbe und Dienstleistungen
  • Begrenzung der verkehrsbedingten Schadstoff- und Lärmbelastungen sowie der Flächeninanspruchnahme
  • Wahrung eines hohen Verkehrssicherheitsstatus (insbesondere für Schulkinder, ältere Menschen und Menschen mit Einschränkungen ihrer Mobilität)

Daneben verschreibt sich das Verkehrskonzept dem nachgeordneten, aber nicht weniger wichtigen Ziel: Lösung der Parkraumproblematik als Schlüsselfunktion für eine stadtverträgliche Verkehrsgestaltung.

Fasst man Lösungsansätze zusammen, so kristallisieren sich drei wesentliche Punkte heraus: Zum einen sollen Anreize für eine größtmögliche Umfahrung der Innenstadt für den Durchgangs- und vor allem Schwerlastverkehr gesetzt werden. Weiterhin ist die Entlastung der Innenstadt durch eine verschiedenartige Zufahrtsreglementierung an bestimmten Stellen angestrebt, damit nur der Verkehr in die Innenstadt gelangt, der dort gewollt ist (Sog. Zielverkehr). Letztlich soll das Verkehrskonzept unterstützend für die Entspannung der Parkraumorganisation wirken, worauf aber hier nicht eingegangen werden soll.

Innenstadtumfahrung

Dieser Punkt soll durch eine Handvoll Änderungen erreicht werden: Zum einen soll die Kreuzung Südbahnhof und die die Kreuzung Hammerecke zu einem Kreisverkehr umgebaut werden. Jonastal und Auf der Setze sollen als Sammelstraßen und der Dammweg als Hauptverkehrsstraße ausgebaut werden. Um die hierdurch entstehende verkehrsberuhigende Wirkung in der Innenstadt zu unterstützen und auf den Schlossplatzes auszuweiten, wird dort eine bauliche Umgestaltung angestrebt.

Der Hauptdurchgangsverkehr soll also am Kreisel Südbahnhof zum Kreisel Hammerecke und dann über den Bierweg auf die Ichtershäuser Straße geführt werden.

Dessen ungeachtet halten sowohl Stadtrat als auch Verwaltung noch immer an dem Gedankenfest, die bisherige Straßenführung des Bierweges über das ehemalige Alcatel Gelände direkt zum Autobahnzubringer A71 zu legen. Dies wäre zwar sachlogisch konsequent, scheitert derzeit allerdings noch an Grundstücksfragen.

Innenstadt

Besonders heikel  gestaltet sich die Verkehrserschließung der Innenstadt. Die Schwerpunkte bilden hier zum einen das Quartier der Oberen Weiße und zum anderen das Quartier rund um die Kohlgasse. Letztere vom Durchgangsverkehr über Unterm Markt/ Kohlgasse/ Neutorgasse und z. T. Marlittstraße zu entlasten, ist in der Konzeption eine der Indikatoren für eine innerstädtische Verkehrsentlastung. Dies ist umso dringlicher, als das die Problematik rund um „Arnstadts Gute Stube“, wie der Planer das Quartier nennt, zwar schon in der Vergangenheit mit Sorge betrachtet, aber zugleich in der Vergangenheit auch stiefmütterlich behandelt wurde.

Verquickt wird das Thema mit einem ganz anderen; wenngleich auch nur mit einem  Steinwurf Entferntem: Der zweispurige Durchgang an der Oberen Weiße / Papiermühle – eigentlich zufällig durch ein Baustellenregelung entstanden – wird auf einen Durchgang begrenzt und diese als Einbahnstraße ausgeschildert. Offen lässt der Planer die Richtung – ob (Innen-)stadtauswärts oder –einwärts soll der Stadtrat entscheiden, wobei für beide Varianten Abwägungsgründe genannt werden. Schon jetzt ist aber klar, dass sich an dieser Regelung die anderen umliegenden (Einbahn-) Straßen in ihrer Befahrbarkeitsrichtung orientieren müssen, wenn nicht der ungeliebte Schleichverkehr entstehen soll.

Aber egal wie sich der Stadtrat letztlich entscheiden wird, problematisch für beide Varianten wird die Turnvater-Jahn-Straße sein. Denn Tatsache ist, dass die Innenstadt zu einem Trichter mit nur einem Zugang bzw. Ausgang wird wenn die Durchfahrt an der Oberen Weiße reglementiert wird. Jeder Ein- oder in der anderen Variante Ausfahrer wird hier entlang MÜSSEN.

So ist davon auszugehen, dass sich die rechtsabknickende Turnvater-Jahn-Straße mit dem REWE-Einkaufsmarkt auf der einen und dem Bustreff auf der anderen Seite zu einem verkehrstechnisch neuralgischen Punkt entwickeln wird. Denn wie bei der Plattentektonik stoßen hier schon jetzt scheinbar unvereinbar verschiedene Interessen der Verkehrsteilnehmer Fußgänger, Radfahrer, Bus- und Autofahrer aufeinander. Die üblichen konservativen Lösungsmöglichkeiten wie Ampel, Zebrastreifen oder Fußgängerinsel scheitern entweder an der örtlichen Enge oder an verkehrsrechtlichen Anforderungen; so ist es nicht möglich in mitten der Kurve oder kurz davor oder dahinter einen Zebrastreifen einzurichten. Die Lösung, soll nach dem Willen der Planer eine sog. „Shared Space Lösung“ sein. Das was man gemein hin als geteilten Platz übersetzen würde, ist eigentlich nichts weiter als eine Gemischtverkehrsfläche, bei der einzig und allein der Grundsatz aus § 1STVG gilt: Gegenseitige Rücksichtnahme. Die Realisierung erfolgt allerdings nicht im Wege einer einfachen Beschilderung sondern durch eine Umgestaltung des Straßenraumes: Eine einheitlich aufgepflasterte Verkehrsfläche mit Zufahrtsrampen in den umgebenden Straßenraum. In der Theorie soll Verkehrsnutzer hierdurch merken: „Aha, hier beginnt was Neues, hier bin ich einer unter vielen und muss deswegen Rücksicht nehmen“. Ob diese Rechnung tatsächlich aufgeht, muss mit Blick auf die Rosenstraße ernsthaft bezweifelt werden. Denn auch dort gilt rechtlich Schrittgeschwindigkeit und gegenseitige Rücksichtnahme – faktisch geht es dort nach dem Recht des Stärkeren und das ist nun einmal nicht der Fußgänger.

Aber selbst wenn im Bereich der Turnvater-Jahn-Straße eine größere Akzeptanz herrschen sollte als in der Rosenstraße, kommt man an einem Problem nicht vorbei: Die Turnvater-Jahn-Straße ist der einzige Zu- oder Ausgang der Innenstadt und wird hierdurch ein entsprechend hohes Maß an Verkehr zu bewältigen haben. Allein dieser enorme Verkehrsdruck wird das Konzept einer erfolgreichen Mischverkehrsfläche in diesem Bereich grundlegend konterkarieren. Eine mögliche Lösung stellt nur die Bereitstellung einer weiteren Zu- oder Ausfahrt aus der Innenstadt dar: Die Öffnung der Rosenstraße – was allerdings eine erneute Umgestaltung des Parkraums und viel Ärger bei Händlern und Anwohnern mit sich brächte.

Fazit

Im Ergebnis ist festzustellen, dass die Maßnahmen im Bereich der Innenstadt-Umfahrung durchaus sinnvoll und wünschenswert sind. Die verkehrskonzeptionelle Innenstadtgestaltung wirft jedoch zahlreiche Bedenken auf. Das muss insbesondere für die Turnvater-Jahn-Straße und die Obere Weiße gelten, weil die Vorschläge eine Trichterwirkung für die Innenstadt bedeutet, mit deren Folge weder die Lebensqualität der Anwohner, noch der Beschäftigten, noch die der Besucher gesteigert wird.

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